HINTERGRÜNDE DER REISE

Wer kennt sie nicht, die in Hochglanzmagazinen abgedruckten, beeindruckenden Fotografien von Indigenen, die fernab unserer Zivilisation leben. Sie zeigen uns die Vielfalt des Lebens in einer Welt, die durch Medien und Internet immer vernetzter erscheint, so dass man sich kaum vorstellen kann, dass es überhaupt noch Menschen außerhalb dieser globalisierten „Blase“ gibt. Und zugleich ahnen wir die Fragilität dieser außergewöhnlichen Schönheit und Vielfalt, und tatsächlich werden diese Kulturen sehr bald von unserer Erde verschwunden sein. Wenn unsere Zivilisation sich nicht eines Besseren besinnt.

Naturfotograf und Greenpeace-Aktivist Markus Mauthe, aufgewachsen am Bodensee, feiert nicht nur mit seinen Bildern, sondern vor allem mit seinen Reisevorträgen in Deutschland große Erfolge – über 250.000 Zuschauer haben in den letzten 25 Jahren seine Berichte und Diavorträge besucht.
Nun wagt sich Markus Mauthe in eines seiner wohl größten fotografischen Abenteuer: Eine Reise zu den letzten indigenen Völkern dieser Erde, an deren Abschluss eine komplett neue Vortragsreihe entstehen soll. Es geht ihm dabei weniger um eine ethnologische Bestandsaufnahme. Vielmehr interessiert ihn das Leben dieser Menschen, und wie sich die Ausbreitung der Zivilisation auf ihr Fortbestehen auswirkt. Um die Vertreter der letzten indigenen Kulturen zu treffen und zu befragen, bleiben höchstens noch zehn Jahre, meint er, und eigentlich sei es dafür schon 15 Jahre zu spät. Globalisierung und Klimawandel sind dabei, den Planeten Erde zu zerstören, und seine Fragen sind: Wie geht es denen damit, die einerseits am meisten darunter leiden, andererseits am wenigsten dazu getan haben, und die überdies alle anderen vielleicht eine bessere Praxis lehren könnten?

Er ist ohne detaillierte Vorbereitung losfahren, um selbst von dem überrascht werden, was ihm da begegnet. Ohne Vorbehalte.

Im Süd-Sudan trifft Markus Mauthe auf Völker, die sehr abgeschieden leben; in autarken Strukturen – teilweise aber auch schon in Reservaten, die meist von Bauvorhaben und wirtschaftlichen Interessen bedroht sind. Der einzige Stamm, der vielleicht verschont werden wird – und das auch nur aufgrund seiner geografischen Lage – ist der Stamm der Suri, die von Fremden meist Kachipo genannt werden, im Boma Plateau, das zu Teilen auch in Äthiopien liegt. Der Zugang zum Gebiet Suri ist eine Herausforderung: Das Boma Plateau liegt isoliert vom Rest der Welt hinter einer „Mauer“ aus Sümpfen. Die sudanesische Regierung hat, wie viele andere Stämme, auch die Suri jahrzehntelang vernachlässigt. Es fehlt an Schulen, Verkehrswegen, Kommunikation und Gesundheitsversorgung.

Die Stämme im Süd-Sudan sind zwar nicht unmittelbar von wirtschaftlichen Interessen bedroht, aber sie sind immer wieder mit Kriegshandlungen konfrontiert, die im Wesentlichen auf wirtschaftliche Verteilungsfragen zurückgehen.

Milizen nutzen die abgelegenen Gebiete oft als Rückzugsräume, was friedliche Stämme zur Flucht zwingt.

Grasland, Vulkanfelsen und eine große Artenvielfalt prägen die Landschaft im Tal des Omo-Flusses in Äthiopien wo sich vor hunderten von Jahren mehrere indigene Völker angesiedelt haben. Doch hier leben die Stämme nicht autark und abgeschieden. Sie sind fester Bestandteil der Tourismus-Wirtschaft. Die Indigenen leben davon, ihre Kultur zu präsentieren.

Andere Völker leben weiter entfernt vom Fluss. Während früher in Zeiten von Knappheit der Austausch von Land oder Nahrung üblich war, konkurrieren die Stämme untereinander nun zunehmend um die Ressourcen, weil die Regierung ihnen immer mehr angestammtes Land wegnimmt. Ab den 80er Jahren wurden Teile ihres Stammesgebietes in staatliche Farmen umgewandelt, die teilweise an ausländische Unternehmen verpachtet werden.

In den Gewässern an den Territorien von Indonesien lebten einst die Bajau, Seenomaden, die heute nur noch ein museales Überbleibsel aus alten Zeiten sind. Ebenso wie Landnomaden zogen auch sie den Tieren, von denen sie sich ernährten, hinterher. Sie lebten auf kleinen Booten, wurden dort geboren und starben dort. Auch Handel wurde überwiegend von den Booten aus betrieben, sie vermieden es an Land zu gehen. Erst im vergangenen Jahrhundert entstanden auch kleine Ansiedlungen in Pfahlbauten auf dem Wasser. Die Bajau gehen ohne Sauerstoffgerät zum Jagen ins Wasser, wo sie bis zu fünf Minuten unter Wasser bleiben können, den Meeresboden entlang gehen und nach Tieren suchen, die sich unter die Korallen und Pflanzen zurückgezogen haben. Früher legten die Fischer traditionell Netze von bis zu 100 qm aus, die abends voll mit Fischen waren. Heute sind die Netze 1000qm groß, aber es liegen nur ein paar Muscheln und winzige Mengen Kiemenfische darin. Ergebnis extremer und jahrzehntelanger legaler und illegaler Überfischung der gesamten südostasiatischen Region durch einheimische, aber auch ausländische Fischer.

Früher tauschten sie ihre Fänge an Land gegen Reis und andere lebensnotwendige Dinge, heute reicht das allein nicht mehr. Sie müssen andere Jobs im Tourismus annehmen oder sind auf staatliche Hilfe angewiesen.

Die klassische Stammeswelt der Bajau existiert damit nicht mehr. Da ihre Lebensgrundlagen als Fischer und Nomaden verloren sind, wurden sie von der indonesischen Regierung in einem Nationalpark angesiedelt. Seitdem stehen die Bajau am Rand der Gesellschaft. Sie werden von den Landbewohnern nicht ernst genommen, gelten als primitiv und ungebildet. Sie selbst empfinden die Landbevölkerung als aggressiv.

Im Amazonasgebiet leben, fern abgeschieden, die Enawenê Nawê, am Übergang zwischen Regenwald und Savanne.

Man schätzt, dass sie seit 400 Jahren existieren. Sie leben als Selbstversorger und sind politisch und ökonomisch noch immer autonom. Sie essen kein rotes Fleisch, sondern nur Fisch und pflanzliche Nahrung. Die Basis ihres physischen wie spirituellen Lebens ist der Fluss Juruena im Amazonasgebiet.

Die Xingu-Stämme, zu denen die Enawenê Nawê gehören, wollen ihre Traditionen bewahren, sich dafür aber auch so schnell wie möglich moderne Fähigkeiten aneignen wie IT, Lesen und Schreiben.

Denn ihre Lebensweise wird bedroht durch die anhaltende Vernichtung des Regenwalds: Legale und illegale Holzwirtschaft für den Export und für Soja-Anbau sowie den Bau von Dämmen für Energiegewinnung. Zudem haben Rinderfarmer in dem Gebiet riesige Wälder für Weideflächen abgeholzt. Die Abwässer der Rinderfarmen vergiften die Zuflüsse zu den Fischgründen der Enawanê, Lebensgrundlage der Ureinwohner.

Markus Mauthe sieht sich selbst auf seiner Reise vor allem als „Zeitzeuge“. Er legt den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Schönheit, weil er zeigen will, was wir schon ganz bald verlieren und damit vermissen werden. Die Indigenen selbst sagen: Nicht wir verschwinden. Was verschwindet, sind die kulturellen und ökologischen Bedingungen für unser Stammesleben. Wir müssen uns mehr und mehr anpassen.

Bald schon wird die westliche Zivilisation in alle Ecken unserer Erde vorgedrungen sein, „und niemand ist mehr übrig, von dem wir lernen können“, meint Markus Mauthe.

Wer darf darüber entscheiden? Und was können wir tun, um die Schönheit und Vielfalt dieser Erde zu erhalten?